Abertausende von Steinmauern, gestapelte Brocken aus Granit und Schiefer, erklimmen die Hänge der tiefen Douroschluchten in den Bergen Nordportugals. Knorrige Rebstöcke von oft vergessenen Sorten schlagen ihre Wurzeln tief in das terrassierte Gestein, auf der Suche nach Halt und karger Nahrung. Diese spektakulärste Weinlandschaft der Welt ist das Ziel von Wellington.
Ein unlöschbarer Durst die Geheimnisse seiner Weinleidenschaft zu ergründen, führt ihn in die berühmtesten Weinregionen der Welt. Weinlieber folgen ihn jedes Jahr, dann Wellington fühlt sich in der Rolle des Weinreiseführers wohl. „Es gibt sehr teuere, begehrte Designerweine, die für internationalen Geschmack zugeschnitten sind. Diese Weine sind für mich aber völlig uninteressant. Höchste Qualität allein ist nicht genug. Faszinierend wird sie erst durch Authentizität – Weine, die die Sinnlichkeit ihrer Herkunft ausdrücken, Weine, die nirgendwo anders auf der Welt produziert werden könnten.“
Dreißigtausend Winzer mit nur 45,000 Hektar Rebfläche in das abgeschnittene Douro Tal lieferten traditionsgemäß die bessere Hälfte ihres Weines an die große internationale Porthändler in Barcas Rabelas über den Wasserweg. „An allen Orten der Welt wo Wein kultiviert wird, ist der oberer Douro der unwahrscheinlichste. Zunächst gab es in diesem abgeschnittenen Tal des nördlichen Portugal nicht einmal Erde, nur Abhänge aus Urgestein – zerklüftet und instabil, gebacken in klirrender Hitze. Mit Dynamit und Meisel wurde Platz für die Reben geschaffen und mit Trockensteinmauern werden die Terrassen vor Erosion geschützt“, sagt Wellington.
Nach den Bau der Bahn in 1887 kamen auch Strassen und Elektrizität und aus ein paar bäuerliche Quintas würden adelige Landsitze. Innovativen Quintabesitzer erkannten nicht nur die zuvor nicht vorhandenen technischen und Vermärktungsmöglichkeiten, sondern auch die noch nicht erschöpfte Potenzial ihr heimischen Wein. Seit Mitte der 90er Jahren gibt es ein sehr kleine und sehr nachgefragte Menge von exquisite Weine aus alte autochthone Rebsorten. Drei der beste Produzenten möchte Wellington in den nächsten Tagen besuchen.
Als das Flugzeug, kommend aus einem sonnigen München, auf Atlantikhöhe in Porto landet, ist es regnerisch und die Laune die Passagiere scheint sich der kühlen Temperatur anzugleichen. Doch Wellington lacht, als er bei seinem Chauffeur einsteigt: „Das erste Geheimnis des Portweins ist enthüllt!“ Er erzählt vom „Douro Bake“, dem traditionellen Ausdruck für eine unerwünschtem Geschmack nach überkochtes Kompot in Portweinen, die im heißen, trockenen Klima des Douro-Tals ausgebaut und gereift wurden und nicht in den kühleren, feuchteren Lagen in Vila Nova de Gaia gegenüber von Porto. Es gibt zwei Kategorien von Portwein: Ruby Port, zu dem auch Vintage Port gehört, reift in die Flasche wobei die zweit Kategorie Tawny in Fässer maturiert. Beide Kategorienschmecken frischer und halten länger wann sie kuhl und feucht gelagert werden.
Der Chauffeur fährt von Porto Richtung Osten in das Cima Corgo, dem Zentrum des portugiesischen Weinbaus. Nach Überquerung der über 2000 Meter hohen Serra do Marao legt Wellington seinen Schal und Sakko aus feinem schottischen Tweed ab und bereitet sich auf einen ganz besonderen Anblick vor: „Trotz zahlreicher hübscher Fotos ist die Schönheit des Douro immer wieder atemberaubend.“ So weit das Auge reicht, ist das Gebirgsterrain mit terrassierten Konturen, wie Höhenlinien auf eine Landkarte, markiert. Nicht nur die unglaubliche Weite der Weingärten, sondern auch dessen Höhenunterschiede von bis zu 500 Meter beeindrucken.
Nach dreistündiger Fahrt ist die Quinta do Crasto der Brüder Miguel und Tomás Roquette erreicht. Seit 1615 werden auf Quinta do Crasto Portweine produziert. „Das Terroir – die Kombination von Klima, Boden, Rebsorte und Kultivierung – das was Portweine so außerordentlich macht, lässt auch die Herstellung hochklassiger, einzigartiger Tafelweine zu. Dieser Wein stammt von über hundertjährigen Rebstöcken seltener heimischer Traubensorten. Die kleine Menge an exquisiter Frucht eröffnet dem sensiblen Winzer die Möglichkeit einen einzigartigen Kunstwerk zu erschaffen“, erklärt Wellington überzeugend, als er einen luxuriösen Schluck 2001er Vinha Maria Teresa genussvoll über seine Lippen fließen lässt. Wie andere traditionelle Quintas haben die Brüder in ihrer Suche nach neue Wege ganz bewusst vom internationalen Trend zur Vereinheitlichung Abstand genommen. Sie haben sich entschieden, zur Ergänzung ihrer großartigen süßen Portweine, unverfälschtes Terroir als trockene Tischweine in die Flasche zu bringen. Die edle Vinha Maria Teresa wird nur aus ausgezeichneten Jahrgängen gemacht, zum ersten Mal im Jahr 1998, und riss sofort führende internationale Weinkritiker zu Lobeshymnen hin. Bisher würde die Maria Teresa nur nochmals in 2001 und 2003 gemacht, wobei Wellington schätzt die Lagerfähigkeit der 2001 am längstens zu sein.
Von der Quinta do Crasto fährt der Chauffeur die enge, kurvige Strasse nach Pinhão, dem verschlafenen Zentrum der Region, hinunter. Immer wieder öffnet sich plötzlich ein Schwindel erregender Blick auf den Douro. „Sie könnten natürlich sehr komfortabel auf der elitären Quinta do Vallado in Pesa da Regúa wohnen, aber das Hotel Vintage House in Pinhão ist nicht nur zentraler, es ist auch very British. Die englische Weinkultur hat in dieser Region schließlich 300 Jahren Geschichte. “
Tatsächlich ist das Ambiente – vom Pool im englischen Garten bis Chesterfield Sofa und Fauteuils vor dem Kamin – von angelsächsischem Charme, aristokratisch und zugleich ganz leicht verstaubt. Nach einem ausgiebigen Abendessen im gediegenen Restaurant wartet vor dem knisternden Kaminfeuer ein bereits dekantierter 1963 Ferreira Vintage Port. Draußen zieht ein gewaltiges Gewitter auf. Zwischen grellen Blitzen und rollenden Donnerschlägen zündet sich Wellington eine Zigarre an und erzählt: „Als im 17. Jahrhundert die Engländer während eines Krieges mit Frankreich keinen Zugriff auf ihren geliebten Bordeaux hatten, bezogen sie die Weine des Douro. Um die Weine haltbarer zu machen gaben sie einfach Weinbrand dazu. Es dauerte aber nicht lang bis sie entdeckten, dass die Weine runder und lebendiger blieben, wenn die Gärung mit hochprozentigem Weinbrand abgebrochen wurde, bevor der ganze Zucker in Alkohol verwandelt wurde. Dass dieser süße rote Portwein bis heute den Handel dominiert, zeugt von der Klasse und Größe dieses Weines.“
„Der Ferreira hat eine fantastische, komplexe Nase, die an Brombeere, Zwetschke und Schokolade erinnert. Er bietet großzügige, konzentrierte, feurige Frucht und ein nicht enden wollendes Finale“, beschreibt Wellington den Wein. Die rauchende Cohiba Esplendido verbreitet ihren angenehmen Duft, Wellington lehnt sich entspannt zurück und erzählt: „Trockene Rotweine wurden hier im Schatten solcher Vintage Ports schon immer produziert, aber sie hatten nur regionale Bedeutung. Niemand erahnte das große Potenzial, das in diesen Stiefkindern steckte. Es war Fernando Nicolau de Almeida, der die Zukunft des Douro maßgeblich mitbestimmte, als er den legendären Barca Velha erstmals im Jahr 1952 kreierte. Dieser Wein war für Jahrzehnte der beste trockene Tischwein Portugals und lange Zeit der einzige aus dem Douro mit signifikanter internationaler Bedeutung.“
„Ein Meilenstein für die Entwicklung in der Region wurde in den siebziger Jahren gesetzt. Von knapp hundert verschiedenen regionalen Rebsorten, wurden die fünf besten isoliert, allen voran die edle Touriga Nacional. Einzelne Produzenten wie Ramos Pinto und Quinta do Côtto begannen nun, Tischweine von internationalem Niveau zu produzieren. Eine neue Epoche im Douro Tal kündigte sich an.“ Die Zigarre ist zu Ende, die Flasche genussvoll entleert, Wellington verabschiedet sich. Für den nächsten Tag plant er, den Meisterwerken der „Duoro Boys“ auf den Grund zu gehen.
„Man betrachtete Dirk Niepoort als exzentrischen Rebell, als er sich auf der Quinta do Napoles auf trockene Tischweine spezialisierte. Es ist einfach, üppige alkoholstarke Weine in diesem heißen Tal zu produzieren. Ich möchte wissen, wie die Niepoort Weine ihre erfrischende Balance erhalten“, sagt Wellington als er der Einladung Niepoorts folgt. Am Eingang der Quinta wartet der sympathische Luís Seabra, Önologe und Gutsverwalter. Da Niepoorts Weine sehr gut zum essen passen, lädt Seabra zum Mittagstisch. Die Köchin der Quinta, Maria José, ist für ihre Künste berühmt. Sie reicht eine regionale Speise nach der anderen – manchmal deftig, manchmal raffiniert, aber jede sehr schmackhaft und jede mit einem passenden Wein serviert.
In gemütlicher Atmosphäre erfährt Wellington Niepoorts Rezept. Die Cuvées werden aus verschiedenen Lagen zusammengestellt. Die kühlen, hochgelegenen, schiefrigen Parzellen verleihen komplexe Mineralität, die nach Norden gerichteten Lagen bringen erfrischende Säure und die nach Süden blickenden Hänge sorgen für Körper, Intensität und süßes Tannin.
Wellingtons Mobiltelefon läutet – also doch nicht die perfekte Abgeschiedenheit. Seine Miene verdunkelt sich und er wirkt fast traurig. „Das war Cristiano van Zeller. Das gestrige Gewitter hat verheerenden Hagelschaden auf seiner Quinta verursacht. Wir sind dennoch willkommen, müssen uns aber nicht beeilen. Sie haben sehr viel Arbeit.“ Zum Abschied serviert Luís Seabra einen herrlich weichen 20-year-old Tawny Port von Niepoort zu Lérias de Amarante, Mandelkuchen. Der Wein erinnert an geröstete Haselnüsse und Karamell und bildet mit dem Dessert eine harmonische Einheit. Trotzdem ist der Atmosphäre getrübt, denn auch Luís Seabra fühlt mit seinem Freund Cristiano. Hagel gibt es nur selten im Douro, zum letzten Mal vor zwei Generationen.
Auf der Fahrt den steilen Berg hinauf zur Quinta Vale Dona Maria zeigt sch das ganze Ausmaß des Unwetters. Wellington geht die Rebzeilen der Terrassen entlang und betrachtet die Reben: „Gestern hing noch viel versprechende Frucht unter der luftigen Laubwand. Jetzt stehen die Reben wie gerupfte Hühner da.“ Ein Grossteil des Laubes ist zerstört. Kaum eine Traube, die nicht schwer verletzt ist. Obwohl es heiß ist – das Thermometer misst über dreißig Grad Celsius – liegen die Hagelkörner noch überall in den Vertiefungen. „Der Winzer muss mit mindestens fünfzig Prozent Erntverlust rechnen, wenn er den Weingarten nicht überhaupt verliert. Viele Stöcke werden den Schaden nicht überleben“, sagt Wellington bedrückt.
Cristiano Van Zeller gilt als Guru der Single-Quinta Weinerzeuger, unterstützt tatkräftig seine Kollegen und fördert junge Talente wie Xito Olazábal und Sandra Tavares da Silva. Vielleicht ist es das globale Denken Cristiano van Zellers, denn nach eingehender Diskussion über die Zukunft seiner eigenen Rebgärten, verschwindet die betrübte Stimmung. Er erzählt enthusiastisch über die anderen zahlreichen Projekte in der Region. Wellington nimmt einen Schluck Quinta Vale Donna Maria 2004 „Curriculum Vitae“ und trägt nach einigen Minuten vor: „Oleander, Lakritz und Teer sind um einen intensiven Kern dunkler reifer Beeren gewoben. Die muskulöse Tanninstruktur vermittelt erstaunlich viel Eleganz und Finesse, aber braucht noch Zeit um geschmeidig zu werden. Der Länge ist beeindruckend. Diesen Wein möchte ich wieder in zehn Jahren probieren!” Wellington und Cristiano wechseln zufriedene Blicke.
„Jetzt zeige ich Ihnen noch etwas ganz Wichtiges“, verspricht Wellington und deutet auf einen unscheinbaren, 5 mal 6 Meter großes Behältnis: „Die Lagares, diese viereckigen flachen Granittröge, denen wir auf jeder Quinta begegnet sind, haben im Douro große Tradition. Dort werden die Trauben mit den Füssen getreten. Dies gilt als die schonendste Methode, möglichst viel Frucht, weiche Gerbstoffe und Farbe zu gewinnen. Früher gab es Bestrebungen, die Lagares mit modernen Methoden zu ersetzen. Van Zeller und seine Kollegen sind überzeugt, dass die Weine dadurch an Ausdruck verlieren. Sie haben Kühlsysteme in die alten Steintröge eingebaut, um die Temperatur während der Gärung kontrollieren zu können. So ist ein antikes Verfahren Avantgarde geworden“.
Für den Weg zurück nach Porto schlägt Wellington die romantische Douro Linha Eisenbahnfahrt entlang des Douro Flusses vor. Wellington steigt ein in das kleine Bahnhof Pinhão der zu den schönsten des Landes zählt. Die Fassaden sind mit azulejos, blauen Wandkacheln, verkleidet und zeigen alte Weinszenen. Die Landschaft hat sich wenig verändert seit damals. Wer hinter dem alten Henschel Dampflokomotive in den nostalgischen Erste Klasse Wagon auf Reisen geht, fühlt sich sofort in die Vergangenheit versetzt. Wellington erzählt von den Quintas, an denen der Zug vorüber rollt, von alten Rebstöcken und jungen Wilden. Von Portugal. Als der Zug wieder einmal über eine dieser beeindruckenden Brücken rollt, bemerkt er: „Die Errichtung von 26 Tunneln und 30 Brücken war eine technische Meisterleistung und dauerte zwölf Jahren bevor es in 1887 fertig würde. Das Ergebnis ist eine unvergessliche Strecke durch stille Landschaften von beeindruckender Schönheit. So beeindruckend wie die Weine und die neue Generation von Winzern, die stolz auf ihre Geschichte ist, respektvoll damit umgeht und doch neue Wege einschlägt.“




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