Ab Mitte Oktober habe ich in der Regel die Gelegenheit, mich zu Hause etwas rar zu machen – und da mein letzter Besuch im mittleren Italien doch schon einige Jahre her ist und eine Veranstaltung in Brescia zu besuchen war packte ich die Gelegenheit am Schopf und gestaltete meine Reise so, als das sie im Süden beginnen sollte um mich in ihrem weiteren Verlauf stetig nordwärts zu führen. Doch bleiben wir für diese Geschichte an ihrem Ausganspunkt: Senigallia in den Marken! Dieses fünfzigtausend Einwohner zählende Städtchen unweit von Ancona wäre vermutlich nicht weiter der Rede wert, wenn nicht zwei ihrer Söhne zu Italiens begnadetsten Kochkünstlern gehören würden. Mein letzter Besuch in dieser Region 2006 führte mich zum Piraten unter den beiden: Moreno Cedroni. Doch bereits kurz nach meiner Rückkehr beschlich mich der Verdacht, dass ich vielleicht einen Fehler begangen hatte. Mehrere euphorische Berichte über Mauro Uliassi, den zweiten großen Koch der Stadt ließen mich zweifeln, ob ich mich von der auf mich attraktiv wirkenden Unkonventionalität, mit der im Madonnina del Pescatore gekocht wird, habe blenden lassen.
Viel Wasser ist seither über die Misa in die Adria geflossen, und nunmehr wurde es Zeit, der kulinarischen Sache auf den Grund zu gehen. Ein Abendessen sollte es bei Uliassi sein, gefolgt von einem kleinen pranzo in der Madonnina, bevor es mich weiter nach Modena trug.
Nach einer vielstündigen Zugfahrt endlich am Ziel angekommen empfing mich eine wohlige Meeresbriese; Ja, ich war schon viel zu lange nicht mehr am Mittelmeer. Die Gastgeberin meines Quartiers empfing mich in herzlich italienischer Manier am Bahnhof, der Nachmittag lud ein sich die Beine zu vertreten. Es trug mich unter anderem in eine Ausstellung des zeitgenössischen italienischen Malers Paolo Cotani, eine gute Einstimmung auf den Abend, wie sich später herausstellen sollte. Das Restaurant Uliassi liegt an der Marina von Senigallia, sollte meiner Auffassung nach also spielend leicht zu finden sein. Ich schlenderte gemächlich Richtung Strand, die Promenade auf und ab und mir wähnte, dass ich eigentlich schon da sein müsste. Ein erneuter Anlauf überführte mich mangelnder Aufmerksamkeit, war ich doch tatsächlich geradewegs Vorbeigelaufen, als ich an der Marina ankam. Nach meinem Klingeln werde ich freundlich hereingebeten, man befreit mich von meiner Garderobe und geleitet mich zu Tisch. Das Lokal erinnert spontan an einen gediegenen Strandclub, Weiß in Weiß mit nur wenigen farbigen Akzenten sowie schlicht anmutendem Mobiliar.
Die Karte bietet zwei Degustationsmenüs sowie eine überschaubare à la carte Sektion. Nach einem netten Plausch mit der Patronin Catia – der Schwester des Chefs – lasse ich Küche und Service vergnüglich zur Tat schreiten. Mit Trentiner Wasser in meinem weißen Becher erreicht mich der Gruß aus der Küche:
„Shot di kir royale e loaker di fegato grasso con pralina di nocciole“ (Kir-Royal Shot und “Loacker” (Keks-Schnitte) von Gänsestopfleber und Nougat)
Nun sollte man vielleicht anmerken, dass ich nur wenige Kilometer entfernt von einer der Produktionsstätten der Firma Loacker lebe und einige kenne, die mit der Herstellung des Italieners liebsten Naschwerks beschäftigt sind – so ein Exemplar ist mir allerdings noch nie untergekommen. Der Gag ist allerdings eindeutig gelungen, neben meinem Schmunzeln ob der Idee überzeugt mich der Geschmack spontan, eine klein wenig grobes Salz an der Oberfläche der Schnitte hilft, die Süße auszutarieren, der Cocktail dazu bringt die nötige Säure mit. Heimische „Bollicine“ von Stefano Antonucci kommen in Form eines Rosé’s ins Glas, nach einem gut gemachten Grissini bekomme ich mit etwas Brot Gesellschaft zu Tisch. Wir starten mit einer
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Zuppa di Vongole (Venusmuschelsuppe),
welche zu Tisch mit ihrem Sud angegossen wird. Am Tellerrand drapiert einige Croutons. Unmittelbar bin ich von dem intensiven und klaren Muschel-Aroma begeistert. Es folgt eine kulinarische Novität für mich:
Cannocchie, succo di cannocchie, limone e aglio da taglio ( Heuschreckenkrebs mit seinem Sud, Zitrone und (junger) Knoblauch)
haben etwas garnelenartiges, auf jeden Fall ein sehr feines Aroma, das gut kombiniert mit den anderen Aromen am Teller ein Auslangen hat. Der Sommelier bleibt dem Winzer treu und schenkt mir nunmehr etwas Verdicchio ein, nach einem ersten Plausch mit Chef Uliassi folgt
Seppie giovani arrostite “sporche”, granita di ricci di mare e erbe selvatiche (Junger, „dreckiger“ Sepia (Tintenfisch) vom Grill, Seeigel-Granita und Kräuter).
Der Sepia mit seiner Tinte befleckt ist zart und zeigt leichte Röstnoten, die Granita punktet mit seiner Jodigkeit, das „Grün“ zwischendrin sort für eine gewisse Länge und Fülle. Nächstes Gericht hat dann Imbiss-Charakter:
Triglia croccante, zuppa di prezzemolo e colatura di alici, (Krokante Meerbarbe, Petersiliensuppe mit Sardinenstückchen).
Die Meerbarbe ist in ein getoastetes „Tramezzino-Brot“ gepackt und lädt zum eintunken in die Petersiliensuppe, ein Canollo-Röllchen mit Sardine unter dem Brot kann mit den sonstigen Aromen am Teller gut mithalten. Nunmehr bekomme ich einen körperreichen Weißen aus Sizilien ins Glas: Reinsortige Insolia von Cubìa. Dieser dient zur Begleitung für die eher belanglosen
Capesante tandoori, zenzero e pompelmo (Tandoori-Jakobsmuscheln mit Ingwer und Grapefruit).
Die an Aromen vielversprechende Kombination ist unaufgeregt bzw. viel zu verhalten und verblasst gegenüber dem Wein.
“Scarpetta di pane” e sugo di brodetto all’anconetana (“Brotsauce” und Fischsuppe nach Ancona Art)
ist abstrakt, präsentiert mit einer Art Biskuit, welcher Fischaromen transportieren soll.
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Mazzancolla fritta e acqua di pomodoro (Mazzancolla Garnele mit Tomatenwasser)
hingegen wunderbar minimalistisch mit glasklaren Aromen die förmlich helfen, den Gaumen wieder “sauber” zu bekommen. Nächster Wein im Glas ist der Ritratto Bianco von La Vis, eine spannende Trentiner Cuvée aus Chardonnay und Grauburgunder. Ein zu vernachlässigender Zwischengang, schlicht „green“ betitelt, wird eingeschoben, danach die viel gerühmten
Linguine “Antonio Mattei” granceola, lime, menta e cocco (Linguine Nudeln „Antonio Mattei“, Seespinne, Limette, Minze und Kokos):
Die Kombination klingt zwar abenteuerlich, jedoch erfreut sich der Esser bereits mit dem ersten Bissen an der perfekten Pasta mit Königskrabbe und dem Aromen-Strauß, der diesem Gericht zu ungeheurer Leichtigkeit ob Tiefe verhilft. Danach eine kühlende Erfrischung in Form einer Kräuter-Granita, der Sommelier bringt einen Cabernet Sauvignon Akronte von Boccadigabbia zu Tisch welcher den Hauptgang begleitet:
Il colombaccio con le sue interiora (Ringeltaube mit ihren Innereien).
Leider sagt mir die Präsentation des Geflügels nur bedingt zu, die mit Innereienfarce überzogene Brust wirkt erdig dominant, ich hätte die Komponenten separat bevorzugt.
Als Vor-Dessert kommt ein geeister Mojito Cocktail – dessen Platz im Menü sich mir nicht erschließt, zu guter Letzt
Zuppa di frutto della passione, gelato di yogurt, pepe rosa e banana caramellata (Passionsfrucht-Jus, Joghurt-Eis, Rosa Pfeffer und karamellisierte Banane):
Optisch ansprechend, das Eis in eine Art Reisflakes gewälzt, der Sud zu Tisch angegossen liest sich dieser Menüabschluss leider viel aufregender, als er sich schlussendlich isst. Das Gericht wirkt recht eindimensional, was bleibt, ist das dominante Aroma der Passionsfrucht über allem. Zum gedeckelten Kaffee gibt’s noch ein paar kleine Süßigkeiten bevor es heißt Abschied zu nehmen.
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Falls Sie sich nun Fragen – da war doch was mit der Kunst am Anfang – in der Tat: Frau Catia scheint leidenschaftliche Malerin zu sein und gibt sich für das Layout der Speisenkarten verantwortlich…
Das Conclusio gibt’s mit dem 2. Teil…
Restaurant Uliassi
Banchina di Levante, 6
60019 Senigallia (AN)
Italien
Telefon: +39 071 65463





















